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Samstag, 20. Oktober 2018

Leben

Die Rente kann warten

Von Barbara Odrich | 12. April 2018 | Ausgabe 15

Die alterslose Arbeitsgesellschaft nimmt in Japan immer deutlichere Konturen an. Die Entwicklung könnte beispielgebend für Europa sein.

Odrich BU
Foto: panthermedia.net/imtmphoto

Ältere Japaner trainieren ihre Muskeln. Viele wollen ihre Energie nicht in private Aktivitäten stecken, sondern in den Dienst der Unternehmen.

Kein Land altert derzeit so schnell wie Japan. Im Jahr 2015 waren nahezu 27 % der Bevölkerung 65 Jahre alt oder älter. Bis 2050 wird dieser Anteil aller Voraussicht nach bei 40 % liegen. Aber in keinem anderen OECD-Land arbeiten auch so viele Senioren wie in Japan. Auf nahezu allen Gesellschaftsebenen wird derzeit die Arbeitskraft rüstiger Rentner genutzt. Hinzu kommt, dass sich das Land mit riesigen Schritten auf eine Art „alterslose Gesellschaft“ zubewegt, in der es kein vorgeschriebenes Rentenalter mehr gibt.

Japans Fähigkeit, eine erfolgreiche Strategie für das Altern zu finden, hat globale Implikationen, weil andere Nationen schon bald eine ähnliche demografische Entwicklung vollziehen werden. Denn auch in Europa gibt es viele Länder, die auf dem Weg zu japanischen Verhältnissen sind. Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass bis 2050 insgesamt 32 Länder einen größeren Anteil an Senioren an der Gesamtbevölkerung haben werden als Japan. Insofern spielt sich in Japan jetzt schon ab, was auf viele Länder in wenigen Jahrzehnten zukommen könnte.

Alt werden in Japan ist schon heute in vielerlei Hinsicht gleichgestellt mit Arbeit. Es gibt unzählige Beispiele von Japanern, die noch im hohen Alter Aktivitäten ausüben, die in anderen Ländern eher den jüngeren Menschen vorbehalten sind. So ist der Chef der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun 91 Jahre alt. Die japanische Kosmetikfirma Pola hat eine Mitarbeiterin, die jüngst ihren 100. Geburtstag feierte. Kato Manufacturing, ein in Zentraljapan ansässiges Unternehmen der Blechverarbeitung, arbeitet seit Jahren mit einer ungewöhnlichen Personalbeschaffungspraxis und sucht nur Arbeiter im Alter von 60 Jahren oder älter. Der Vorteil: Ältere Teilzeitarbeiter arbeiten am Wochenende und in der Ferienzeit. Das ermöglicht es dem Unternehmen, sieben Tage in der Woche rund um die Uhr zu arbeiten.

Noch sind Menschen, die mit über 90 Jahren voll im Arbeitsleben stehen, auch in Japan die Ausnahme. Allerdings hat Nippon nicht nur den höchsten Anteil an alten Menschen, sondern auch die prozentual meisten arbeitenden Rentner unter allen OECD-Ländern, denn über 22 % der über 65-Jährigen stehen noch im Berufsleben. Das sind jeder dritte Mann und jede sechste Frau. Und selbst mit über 70 arbeiten den jüngsten Zahlen aus der Arbeitskräfteerhebung des Ministry of International Affairs and Communications in Tokio zufolge noch 19,9 % der Japaner und 9,2 % der Japanerinnen. Im Vergleich dazu sind das in Deutschland nur rund 7 %.

Als Land mit einer niedrigen Geburtenrate und einer steigenden Lebenserwartung muss Japan dringend nach neuen Wegen suchen, um den demografischen Wandel und dessen Auswirkungen auf das Sozialsystem zu bewältigen. Es ist unverkennbar, dass die meisten Japaner im Rentenalter die Arbeit nicht einstellen wollen. „Im Gegensatz zu vielen Europäern wollen zahlreiche Japaner auch im Alter berufstätig bleiben. Sie wollen der Gesellschaft helfen und sehen darin eine Quelle der Erfüllung“, sagt Hiroko Akiyama, Professorin am Institut für Gerontologie der Universität Tokio. Akiyamas Forschungsarbeiten ergaben, dass Arbeit viele Senioren nicht nur körperlich sondern auch mental fit hält. Sie arbeiten einerseits um sich zu beschäftigen und um fit zu bleiben, andererseits, um sich nebenbei ein bisschen etwas hinzuzuverdienen. Nur zwei Drittel der Japaner gaben bei einer jüngsten Umfrage an, von ihrer Rente als Haupteinnahmequelle leben zu können.

Die Regierung in Tokio ermuntert die Beschäftigung erfahrener Mitarbeiter über das gesetzlich vorgeschriebene Rentenalter hinaus schon seit geraumer Zeit. Allerdings geschieht das unter meist schlechteren Bedingungen und die meisten älteren Angestellten müssen eine Einbuße im Gehalt von bis zu 40 % hinnehmen.

Das ist aber keineswegs abschreckend für sie. Viele Angestellten entscheiden sich weiterzuarbeiten, nicht zuletzt weil die Zugehörigkeit zum Unternehmen ihr Selbstwertgefühl steigert. Das bedeutet auch, dass die meisten Vollzeit arbeiten. Im Jahr 2016 machten Senioren nahezu 12 % der arbeitenden Bevölkerung aus. Von knapp 65 Mio. berufstätigen Japanern waren 7,7 Mio. mindestens 65 Jahre alt. Aus dem Labor Force Survey der Regierung geht hervor, dass rund 25 % davon im Bereich Transport, Reinigung und Verpackung arbeitet. Weitere 20 % sind im Dienstleistungssektor tätig.

Die japanische Regierung legte jüngst einen Entwurf zur Alterspolitik des Landes vor, der auf eine „alterslose Gesellschaft“ zusteuert. Der dahinter steckende Gedanke ist, Menschen, die älter als 65 Jahre sind, nicht automatisch als Senioren zu betrachten, sondern sie darin zu bestärken, gesund zu bleiben und zu arbeiten. Im gleichen Atemzug wird daraufhin gearbeitet, das gesetzliche Rentenalter auf über 70 Jahre anzuheben, in der Hoffnung, dass zunehmend mehr Senioren sich dazu entschließen, nach der Pensionierung weiter am Arbeitsleben teilzunehmen. Natürlich hat das auch handfeste ökonomische Gründe, denn so soll das Rentensystem entlastet werden. Der Gesetzentwurf wurde bereits von der Liberaldemokratischen Partei genehmigt und soll in Kürze in Kraft treten.

Positive Auswirkungen erhofft man sich nicht zuletzt auch für die Wirtschaft, denn je aktiver die Senioren, umso ausgabenfreudiger sind sie. Nach Aussagen von Hiroyuki Murata, Professor an der Tohoku University und Leiter des Smart Ageing International Research Center, kauften sportliche Senioren nicht nur Sportkleidung, sondern auch mehr modische Alltagskleidung und Kosmetika. Zudem gingen sie mehr aus und reisten mehr.

Nicht unterschätzt werden dürfte auch der Anteil der Senioren, die online einkaufen. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. E-Retailer wie das in Tokio ansässige Internetunternehmen Rakuten sowie Logistikunternehmen profitieren zunehmend von dem „Silver-Surfer“-Phänomen. „Wenn man die richtigen Produkte anbietet, bedeutet das eine große Chance“, erläutert Murata.ws